Meine Oma legte großen Wert auf Qualität und war immer misstrauisch. Wenn sie auf den Wochenmarkt ging, dann fragte sie den Händler: “Ist das auch wirklich gute Ware?” Dabei fuchtelte sie mit den Möhren vor seinem Gesicht herum, aber wenn der Mann bejahte, dann kaufte sie die Möhren und die Kartoffeln noch dazu. Ich stand daneben und staunte. Warum glaubte sie dem Mann? Ich war mir nicht sicher, ob ich ihm geglaubt hätte. Nun, sie kannte die Händler des Markes, auf dem sie seit Jahren zweimal in der Woche einkaufte und glaubte eben zu wissen, wem sie trauen konnte.

Es gab Zeiten, da war das wirklich so einfach.

Ich dagegen weiß überhaupt nicht, wem ich trauen kann.

Ich habe Euch vor zwei Wochen eine Betrachtung über hochverarbeitete Lebensmittel versprochen. Irgendwie scheint ja jeder zumindest eine Idee zu haben, was das sein soll.

Ich wollte es trotzdem genauer wissen und vor allem wollte ich wissen, wo die Grenze verläuft. 

Ist Brot hochverarbeitet? Aber wie ist es, wenn ich es selbst gebacken habe, ohne Zusatzstoffe, sogar der Sauer ist selbst gezogen und besteht nur aus Getreide und Wasser. Verarbeitet ja, aber auch hochverarbeitet?

Ich mache nämlich am liebsten alles selbst, weil ich dann weiß, was drin ist, so wie die Oma.

In den Studien, die es dazu gibt werden die Nahrungsmittel in 4 Kategorien eingeteilt:

  1. Nicht oder kaum verarbeitete Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Fleisch, Milch, Eier, Hülsenfrüchte, Getreide
  2. Verarbeitete kulinarische Zutaten wie Salz, Zucker, Pflanzenöle, Butter
  3. Verarbeitete Lebensmittel, die entstehen, wenn aus nicht verarbeiteten Lebensmitteln unter Zugabe von kulinarischen Zutaten Nahrungsmittel hergestellt werden. Beispiele: Käse, frisch gebackenes Brot, Gemüse in Dosen, 
  4. Alles andere sind hochverarbeitete Nahrungsmittel.

Bei Kategorie 3 bin ich mir nicht so sicher, ob es da vielleicht auch Unterschiede gibt, aber belassen wir es besser bei dieser Einteilung, sonst werden wir ja nie fertig.

Hochverarbeitete Nahrungsmittel kommen aus den Fabriken der Nahrungsmittelindustrie und sie tragen Etiketten auf denen steht was drin ist. So ist es Vorschrift.

Und manchmal stehen Bezeichnungen auf diesen Etiketten, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, Namen von Zusatzstoffen, die jeder juristischen Prüfung ohne weiteres standhalten würden, die aber zum Beispiel meine Geschmacksnerven in die Irre führen.

Herr Mustermann und die Aromastoffe, ein Beispiel:

Wie ich im letzten Blogbeitrag schon schrieb, gibt es kein Bedürfnis nach bestimmten Nahrungsmitteln. Der Körper braucht Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Vitamine, Mineralstoffe, Ballaststoffe, … Wenn die Intuition von Herrn Mustermann so halbwegs funktioniert und der Körper von Herrn Mustermann Eiweiß braucht, dann würde Herr Mustermann zum Beispiel Appetit auf Hühnersuppe bekommen. Weil er weder Zeit noch Lust zum Kochen hat, geht er in den Supermarkt und kauft sich eine Hühnersuppe in der Dose. Er findet, sie sieht lecker aus und sie schmeckt auch lecker nach Hühnersuppe. Der geringe Anteil an Hähnchenfleisch in der leckeren Suppe fällt ihm gar nicht auf, weil ihm der Geschmack etwas anderes suggeriert. Herr Mustermann glaubt also er wäre satt und ist erstmal zufrieden. Genug Kalorien hat er allemal zu sich genommen, nur bei dem Eiweiß, weshalb er nach der Suppe gegriffen hatte, sieht es etwas mager aus. Der Körper hat nicht bekommen, was er brauchte und fordert schon bald wieder nach Nahrung. Wenn Herr Mustermann nun am Abend zu Chips greift, bekommt er zwar schon wieder kein Eiweiß aber dafür sehr viel Fett und Geschmack. Herr Mustermann ist trotzdem zufrieden, denn dieser Geschmack in den Chips gefällt ihm gut.

Was bis hier hin geschah: Die Aromastoffe in der Hühnersuppe und den Chips gaukeln Herrn Mustermann etwas anderes vor als er in Wirklichkeit gegessen hat. Am Ende des Tages hat er mehr gegessen als sein Körper in Wirklichkeit brauchte.

Wenn dieser beschriebene Tag im Leben von Herrn Mustermann eine Ausnahme war, dann macht es nichts aus. Isst er aber überwiegend Hochverarbeitetes wie die Dosensuppe und die Chips, dann wird Herr Mustermann nicht nur übergewichtig, er versteht auch irgendwann seine eigene Intuition nicht mehr und der Weg zu einem natürlichen Essverhalten wird immer schwerer.

Die große Preisfrage ist nun: Was tun?

Nur noch selbst kochen passt nicht für jeden und auch nicht jeden Tag.

Dennoch ist es einen Versuch wert, es so gut es geht auszuprobieren. Der Körper bekommt unverfälschte Lebensmittel mit natürlichem Geschmack und ist vielleicht länger satt. Das heißt nicht, dass Hochverarbeitetes verboten ist. Verbote gehören verboten, denn sie machen alles nur noch schlimmer. Es geht nur darum Erfahrungen mit natürlichen Lebensmitteln zu sammeln und nach und nach mehr davon auf den Speiseplan zu setzen.

Mein Vorschlag im letzten Blogbeitrag war: Versuch zwei Wochen lang jeden Tag bei einer Mahlzeit auf Verarbeitetes zu verzichten. Hat das geklappt?

Falls ja: Wie war das? Erzähl mir davon.

Falls nein: Was hat Dich gehindert? Konnte ich Dich mit diesem Beitrag zu einem neuen Versuch motivieren?