Manchmal kommen mir Zweifel am intuitiven Weg zum Glück. Vielleicht haben mein Körper und ich unterschiedliche Ansichten über das Wohlfühlgewicht. Und darüber, was Schönheit ist, lässt sich bekanntlich trefflich streiten.

Als ich abnehmen wollte, hatte ich die schöne Idee mich mit Fotos aus schlankeren Zeiten positiv einzustimmen. Da, wo ich meine Essens-Entscheidungen treffe, wollte ich eine reale schöne Erinnerung als Motivation sehen. Das erschien mir vielversprechender als ein Foto aus dicken Zeiten zur Abschreckung am Kühlschrank.

Beim Durchsehen alter Fotos mache ich deshalb eine Zeitreise durch meine Diätkarriere. Ich selbst bin immer sehr stolz auf die Fotos, die mich besonders schlank zeigen. Aus Zeiten, zu denen ich mehr wiege, gibt es weniger Bilder von mir und wenn ich so viel wog, dass ich mich überhaupt nicht mehr schön fand, habe ich mich nicht mehr in der Nähe von Kameras aufgehalten. Wann immer ich Fotos von Familienfesten finde, auf denen ich fehle, weiß ich: Damals war ich dick!

Wenn ich anderen Menschen meine alten Bilder zeige, dann finden die auch Fotos, auf denen sie mich schön finden. Das sind dann aber selten die ganz schlanken Bilder. Andere Menschen sollten zwar auch kein Maßstab sein, können aber einen Anhaltspunkt geben. Wann wirke ich zufrieden oder glücklich und strahle von innen?

Früher hatte ich einen Kleiderschrank von Größe 32 bis 48. Es lohnte sich nicht, die großen Größen auszusortieren. Über kurz oder lang würde ich sie ja doch wieder brauchen. Ganz offensichtlich kannte ich mein Wohlfühlgewicht nicht, habe es nie erreicht, war nie so rundum zufrieden mit mir.

Wenn ich jetzt den berühmten Wunsch frei hätte und es mir hier und jetzt einfach aussuchen könnte, würde ich am liebsten wieder so schlank sein, wie zu Zeiten, von denen ich noch genau  weiß, welche Tortur es war, dieses Figur zu erkämpfen. Und wie könnte ich vergessen, dass ich es niemals länger als 2 bis 3 Monate halten konnte. Mein Körper kann leider nicht in ganze Sätzen sprechen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass dem inzwischen egal ist, wieviel ich wiege. Hauptsache es kehrt mal Stabilität ein.

Statt dessen klingen meine inneren Dialoge eher so: „Du blöder Körper, warum siehst Du nicht so aus wie ich Dich haben will?“ „Du blöde Bald-Elfe, wann gibst Du mir endlich was ich brauche?“ Bestimmt könnten wir mal eine gute MediatorIn gebrauchen, mein Körper und ich.

Diese Situation ist doch vollkommen festgefahren. Ich will einem Neuanfang. Ich stelle mich hier und jetzt vor den Spiegel und definiere das, was ich da sehe als gut und richtig! Vielleicht sogar als schön, wenn ich ganz verwegen sein will! Die Bald-Elfe in dem Spiegel sieht tatsächlich ganz nett aus. Ihr Körper hat einiges durchgemacht mit ihrem starken Willen und dem Wunsch nach einer schlanken Figur. 

Schließen wir einen Friedensvertrag: Mein Körper muss bekommen, was mein Körper braucht. Meine Seele muss auch bekommen, was sie braucht, aber wenn Hunger nicht das Problem ist, ist Essen nicht die Lösung. Und dafür höre ich auf der Stelle auf, mich selbst abzulehnen, bloß weil ich es nicht schaffe, einem unrealistischen Ideal zu entsprechen. Ich bin prima so wie ich tatsächlich bin und nicht wie ich sein könnte.

Anstelle eines Motivations-Bildes aus der Vergangenheit mache ich jetzt jeden Sonntag ein Selfie für meine ganz private Galerie.
Mein Bild am Sonntag!
Seht her: Das bin ich! Bin ich nicht prima?