Den Geschmack von Omas Apfelkuchen habe ich bis heute im Gedächtnis. 

Wenn Oma uns fragte, ob wir ihr beim Backen helfen wollten, waren meine Schwester und ich immer Feuer um Flamme, denn wir wussten dass Oma immer sehr viel “Hilfe” beim Backen brauchte. Und wir halfen gern. Ohne Kochbuch, Chefkoch oder Taschenrechner passierte es Ihr ohne Weiteres ganz aus Versehen zu viel Teig zu machen.  Mit leuchtenden Augen standen wir dabei, wenn Oma einen Haufen Mehl auf die Arbeitsplatte schüttete, eine Mulde machte, Eier in die Mulde und Butterflocken auf dem Rand verteilte. Eine Waage oder einen Messbecher brauchte sie nicht … Scheinbar magisch formte sie mit ihren Händen den leckeren Teig, von dem wir so gern kosteten. Wenn dann der Kuchen in der Röhre stand und wir gemütlich und wohlig im Sessel saßen, durften wir dieses “Zuviel” dann verputzen. Wir schleckten Löffel, Rührer und Schüsseln aus und aßen überzählige Äpfel, während uns ein himmlischer Duft aus dem Backofen  in die Nase stieg.

Niemals wieder wird etwas so schmecken wie der Apfelkuchen von Oma.

Im Grunde war Omas Apfelkuchen kein Hexenwerk. Es war ein klassischer gedeckter Mürbeteig-Obstkuchen mit Zucker und Zimt auf der Decke. Sie hat immer Boskop genommen, was anderes kam ihr nicht auf dem Kuchen. So what? Ich kann backen. DAS kriege ich hin.

Was ich nicht hinbekomme, ist das Gefühl verwöhnt zu werden, so viel naschen zu dürfen wie ich will, diese Gewissheit, dass Oma natürlich nur dann zu viel Teig machte, wenn wir Kinder da waren, zu wissen “Das ist für mich”.
All das schwingt bei der Erinnerung an den Geschmack von Omas Apfelkuchen mit und natürlich gibt es das nirgendwo anders nochmal, nicht genau so!

Stell Dir eine magische Speisekammer vor, die alle Speisen enthält, die Du am liebsten jederzeit verfügbar haben würdest. Vergiss die Naturgesetze. Es ist egal, ob es dick macht oder leicht verdirbt. Es geht nur darum, dass Du es haben könntest, wann immer Du möchtest.
Die spannende Frage ist nun: Wie weit bist Du von dieser paradiesischen Speisekammer entfernt, wenn Du in deinen eigenen Keller und Kühlschrank schaust? Was musst Du immer im Haus haben? Was hast Du nie im Haus? Warum?

Du hast vielleicht auch Sehnsucht nach Speisen wie Omas Apfelkuchen, die es eigentlich nicht geben kann. 

Wenn ich mir ganz sicher bin, dass es mir um den Geschmack geht, dann kann ich mich auf die Suche nach einem Rezept machen, das diesem Geschmack am nächsten kommt. Ich kann dafür sorgen, dass ich immer mindestens ein Stück von dem köstlichen Kuchen im Gefrierschrank habe und damit sicherstellen, dass ich es jederzeit haben könnte. 

Oft geht es mir aber gar nicht in erster Linie um den Geschmack des Kuchens, sondern um das Ritual, um die Liebe, um gesehen werden, für jemanden ein ganz besonderer Mensch zu sein.

Keine noch so großartige Konditorei der Welt wird mir diese Bedürfnisse erfüllen und erst recht kein Supermarkt. Wenn ich in der Speisekammer eigentlich Liebe suche, dann ist es gut mir dessen bewusst zu sein. Ich war dieser besondere Mensch, als ich ein kleines Mädchen war und ich bin es heute noch. Niemand kann mir das nehmen. Und niemand muss es mir geben, ich habe es längst. Es ist auch okay ein Stück guten Apfelkuchen zu genießen, wenn ich in dieser Stimmung bin. Ich darf nur nicht vergessen, dass es nicht der Apfelkuchen ist, der mich zu diesem ganz besonderen Menschen macht.