Hab ich schon erwähnt, dass ich ein Mensch bin, der immer ein Ziel braucht?

Solange ich ein Ziel vor den Augen habe, habe ich keine Probleme, all die Dinge zu tun, die ich mir dafür vorgenommen habe. Wenn ich aber angekommen bin, bin ich erstmal stolz und glücklich. Und dann falle ich in ein tiefes Loch. Ich habe kein Ziel mehr, denn ich bin ja jetzt da.
Ohne ein Ziel habe ich keine Richtung und alles Erreichte rinnt mir wieder durch die Finger.
So ist das bei mir.
Deshalb habe ich alle meine Kilos immer wieder zugenommen. Wieder und wieder.

So habe ich eine neue Herausforderung gesucht, die auf den ersten Blick nichts mit Gesundheit, Essen oder dem Körpergewicht zu tun hat. Doch auch in diesem Fall geht es darum “Dinge”, die ich nicht brauche, schlichtweg nicht zu tun oder zu haben.

Jawohl, heute geht es um Ausmisten. Diesmal keine überflüssigen Pfunde sondern überflüssige “Dinge”. Der durchschnittliche mitteleuropäische Mensch besitzt angeblich 10.000 Dinge. 10.000! Das ist eine verdammt große Zahl, so groß, dass es nicht mehr wichtig ist zu klären, ob ein paar Socken als ein oder zwei Teile zählen. 10.000 ist ja ohnehin viel zu viel, um einen Überblick zu haben. Und ja, auch ich habe mehr “Dinge” als ich zum Leben und zum glücklich sein brauche.

Im Netz kursiert eine 30-Tage-Minimalismus-Challenge. Da sortiert man am ersten Tag 1 “Ding” aus, am zweiten Tag 2, am dritten 3 und so weiter bis zum 30-sten Tag. Das sind dann 465 “Dinge” in einem Monat. Ich hab das mal versucht, bin aber nicht bis zum 30. Tag gekommen. Es hat mich zu sehr unter Druck gesetzt. Je weiter ich in der Challenge gekommen war, umso mehr “musste” ich zum Loslassen finden. Von Leichtigkeit keine Spur. Bei mir ist dieser Versuch das Loslassen zu üben ins Gegenteil umgeschlagen.

Doch anstatt aufzugeben habe ich mir etwas anderes überlegt: 

Ich sortiere jeden Tag ein “Ding” aus. Ich muss es nicht wegwerfen, ich kann es auch verschenken, verkaufen oder spenden. Und wenn es mehr als ein “Ding” ist, dann zählt es nicht für die nächsten Tage mit, sondern auch dann ist die Aufgabe erfüllt und morgen ist ein neuer Tag.

Zusatzregel:
Wenn ein neues “Ding” ins Haus kommt, müssen dafür 2 “Dinge” gehen. Das gilt auch für Geschenke. Also überlegt Euch gut, was Ihr mir schenkt.

Der Unterschied zwischen meiner Ein-Ding-am-Tag-Regel und der Minimalismus-Challenge ist wie der Unterschied zwischen einer Diät und einer Lebensänderung oder einem Sprint und einem Marathon. Auf den ersten Blick wirst Du noch keinen Unterschied sehen. Wenn ich so weitermache, dann verlassen in einem Jahr nur ungefähr 400 “Dinge” das Haus, weniger als bei der Challenge in einem Monat! Das ist ein Tropfen auf den heißen Stein, wenn man sich die 10.000 Sachen eines westeuropäischen Menschen vor Augen führt. Und doch wird es mich voran bringen. Einmal am Tag beschäftige ich mich mit der Frage, was ich wirklich brauche und mit welcher Energie ich mich umgeben möchte. Jeden Tag! Das ist der eigentliche Gewinn dieser Regel. Und deshalb wird man nach einem Jahr eben doch etwas sehen. Davon bin ich überzeugt.

Hier schließt sich der Kreis. Wenn ich in meinem Leben eine Veränderung möchte, dann hilft mir keine Hau-Ruck-Maßnahme. Nicht beim Essen, nicht bei dem Versuch, mehr Bewegung in mein Leben zu bringen, nicht beim Lernen eines Instruments und auch nicht beim Versuch, mit weniger Dingen auszukommen. Für all diese Vorhaben brauche ich kleine Schritte, so klein, dass ich sie jeden Tag gehen kann, ohne die Lust und den Mut zu verlieren. Jeden Tag, wieder und wieder, bis sich wirklich etwas geändert hat, bis mir die Veränderung so selbstverständlich geworden ist, dass ich sie nicht mehr bemerke. Dann bin ich einen Schritt weiter gekommen und wer weiß, vielleicht mag ich dann ja noch einen Schritt gehen. Aber immer nur einen ….