Soweit so gut! Ich habe es nun also eine Woche lang geschafft, mich nicht mehr täglich zu wiegen. Das war der kleinste mögliche Einstieg in das selbstbestimmte Essen, den ich mir vorstellen konnte. 

Ich muss zugeben, dass der Druck etwas nachgelassen hat. Dabei ist aber auch eine Lücke entstanden, ein Gefühl von Unsicherheit. Denn natürlich war ich jetzt, in Woche zwei, nicht augenblicklich sicher, alles richtig zu machen. Und, was ist überhaupt „richtig“?

Ich schreibe mein Essen nicht mehr auf, weiß also nicht, wie viele Kalorien, Fett, Eiweiß oder Kohlenhydrate ich zu mir nehme. Das allein hat mir aber noch kein Gefühl dafür gegeben, was und wieviel ich wann brauche. Also fragte ich mich jetzt, wie ich es herausbekomme. 

Hier half mir der Blick über den Teller-Rand: Mein Liebster hat die Angewohnheit, sich beim Essen zunächst nur eine sehr kleine Portion zu nehmen. Ich dagegen haue mir den Teller gern ordentlich voll. Er nimmt dann nach bis er satt ist. Und weil es so schön ist, nehme ich auch nach, und zwar ohne noch Hunger zu haben. Zwar essen wir nur am Wochenende gemeinsam, aber der Versuch, es ihm probehalber gleich zu tun und dann, wenn die Mini-Portion auf meinen Teller verputzt ist, erstmal in mich hinein zu spüren, war eine vielversprechende Idee. Gesagt, getan und was soll ich sagen: Die Kinderteller-Portion hat mir gereicht. Ich konnte es nicht fassen. Das Bisschen sollte jetzt alles gewesen sein? Aber es schmeckte doch gerade so gut. Sicher würde ich in einer halben Stunde sehr, sehr hungrig sein. Trotzdem legte ich das Besteck zur Seite. In einer halben Stunde könnte ich dann ja weiter essen, dachte ich. Aber es wurde dunkel und nichts dergleichen geschah. Sollte ich wirklich so wenig brauchen?

Jetzt also mal Butter bei die Fische: Die gleiche Bald-Elfe, die für eine Diät Hunger akzeptiert, will nicht aufhören zu essen, obwohl sie keinen Hunger mehr hat, weil …

– die Portion so klein aussieht?

– es gerade so gut schmeckt?

– der Liebste ja schließlich auch noch isst?

– es so schön ist, beim Essen zu sitzen?

… (sucht Euch was aus, es ist ja nicht zu glauben).

So ging es weiter, denn am Sonntag wiederholte sich das Spiel. Und am nächsten Wochenende wieder. Und offen gestanden: So kann es gern weiter gehen, es fühlt sich nämlich großartig an.

Es ist übrigens nicht wahr, dass es „nichts Gutes wieder“ gibt, der wahren Bedeutung der Androhung von schlechtem Wetter, falls jemand nicht alles wegputzt. Bei mir gibt es gerade dann später etwas Gutes wieder, wenn etwas Gutes übrig bleibt.

Und dabei frage ich mich, ob ich nun womöglich ebenso wenig esse, als würde ich Diät halten. Wie Diät nur zufriedener? Das klingt nicht überzeugend. Und ist das jetzt besser? Wieviel brauche ich tatsächlich? Das kann mir keine noch so ausgefeilte Formel der Welt berechnen. Da muss ich mich ganz auf die Weisheit meines eigenen Körpers verlassen. Jetzt bin ich gerade sehr begeistert, wie wenig ich zu brauchen scheine. Was ist, wenn der berühmte kleine Hunger kommt? Werde ich mir das dann glauben? Und vor allem, werde ich dann auch essen?

Wenn ich mir so beim Denken zuhöre, klingt das immer noch nach Diät und ich merke, dass der Weg zum selbstbewussten selbstbestimmten Essen noch weit ist.
Auf geht’s!