Ihr kennt doch diesen Veganer-Witz? “Woran erkennst Du einen Veganer? Musst Du nicht, er erzählt es Dir sowieso!” Der Witz ist erstens blöd und hat sich zweitens inzwischen selbst überholt. Aber angepasst auf eine laufende Bald-Elfe stimmt’s. Ich erzähle es jeder, egal ob sie es wissen will oder nicht, und nicht nur einmal. Ich bin die Pest für jeden, der meint er “müsste ja eigentlich” auch …

Und hier habe ich es auch schon mehr als einmal geschrieben: Ich laufe wieder!

Viele Menschen fangen mit dem Laufen an, weil sie abnehmen möchten. Laufen ist leicht, jeder gesunde Mensch kann es sowieso, es geht praktisch überall und außer einem Paar anständiger Schuhe braucht es keine Investitionen. Ob es mit dem Abnehmen durch Laufen klappt oder nicht, hängt von weiteren Faktoren ab. Wenn aber das Lauffeuer entfacht ist, wenn der lange Lauf am Wochenende eine Verabredung mit Dir selbst geworden ist, die Dir mehr gibt als die verbrannten Kalorien, wenn Dich Laufen mehr entspannt, als Deine Meditation, …

Dann, ja dann bist Du zur Läuferin oder zum Läufer geworden.

Läufer sind nicht automatisch schlank, aber sie laufen nicht, um abzunehmen, sie nehmen ab, um schneller laufen zu können. Das Laufen ist kein Mittel zum Zweck mehr, es ist ein Selbstzweck geworden. Und für mich ist es eine Superkraft!

Heute werde ich Euch mal beschreiben, was beim Laufen mit mir passiert:

Normalerweise steht mein Kopf nie still. Das klingt toll, aber leider denke ich den lieben langen Tag auch eine Menge Zeugs, das mich nicht wirklich voranbringt. Zum Beispiel läuft im Hintergrund eine Beurteilungs-Maschine, die Alles und Jeden einzuschätzen versucht, auch mich selbst. Das ist eigentlich ein sinnvoller Schutzmechanismus der Natur, denn wir sind dadurch aufmerksam und erkennen Gefahren, aber meistens ist es lästig und hindert mich daran, unvoreingenommen auf mich und die Welt zu blicken.

Wenn mir zum Beispiel draußen auf der Straße oder im Park ein laufender Mensch begegnet, dann beurteile ich automatisch den Laufstil und wenn das Urteil unvorteilhaft ausfällt, dann fälle ich gleich noch ein Urteil über mich selbst, und zwar kein sehr Nettes, denn ich habe ja einen völlig fremden Menschen bewertet und das steht mir nicht zu. Begegnet mir hingegen der selbe laufende Mensch während ich selbst laufe, dann hebe ich die Hand zum Gruße, sehe meinem Gegenüber ins Gesicht und lächle. Wie schön, freue ich mich, noch jemand der läuft. Wenn Du mich hinterher über die anderen Läufer ausfragen willst, wirst Du nichts Kritisches zu Hören bekommen. Ja, ich habe andere Läufer getroffen, ach war das schön.

Beim Meditieren schweifen meine Gedanken ab.
Wenn ich mich an Yoga versuche, dann verkrampfe ich und zähle die Sekunden, bis es endlich vorbei ist.
Autogenes Training klappt ganz gut, ist aber anstrengend.
Aber wenn ich laufe, dann bin ich ganz von selbst im Hier und Jetzt und vollkommen im Reinen mit mir. Und wenn ich wieder zuhause bin, sitze ich minutenlang lächelnd und mit entrücktem Blick bei meinem Glas Wasser, so sagt es jedenfalls der Liebste.

Vielleicht denkt er ja diesen Gedanken, den die Frau am Nachbartisch in “Harry und Sally” ausspricht: “Ich will genau das, was sie hatte.” Vielleicht – aber zugeben würde er das natürlich nicht. Er weiß ja, was ich dann sagen würde …
(“Komm doch einfach mit.”)

Ob es wirklich so einfach wäre? Würde es noch Kriege auf dieser Welt geben, wenn alle Menschen Läufer wären?

Eine Laufbekanntschaft aus dem Internet schrieb neulich, sie hätte schon viele Menschen in ihrem Freundeskreis mit dem Lauf-Fieber angesteckt. Wenn sie so weiter macht, steht bald keiner mehr an der Strecke zum Anfeuern.

Ich habe noch niemanden angesteckt. Mir ist es lieber, wenn jede ihre ganz eigene Superkraft entdeckt. Vielleicht strickst Du ja mit dem gleichen Feuereifer Strümpfe, wie ich laufe, oder jätest das Unkraut im Garten, hängst Deinen Gedanken nach während Du in einem einsamen Waldsee schwimmst. Ein befreundeter Musiker bringt das Durcheinander in seinem Kopf zur Ruhe, indem er Musik mit anderen Menschen macht. Hätte er diesen Text geschrieben, würde die Überschrift “Frieden schaffen – mit Pauken und Trompeten” heißen.

Wann bist Du so versunken, dass alles um Dich herum ganz klein und unbedeutend ist?
Wann bist Du so im Reinen mit Dir, dass Du der Welt ins Gesicht lachen kannst?
Wann ist das Leben schön?