Wir haben einen Film gesehen.
Und jetzt bin ich so wütend und traurig, dass ich Euch davon erzählen möchte.
Der Film heißt “Ein Feld voller Geheimnisse”. Der australische Dokumentarfilm begleitet einen 11-jährigen Jungen auf dem Weg zu mehr Gesundheit und weniger Gewicht.



Dieses Kind wog am Anfang 80 Kilo und das ist für einen 11-Jährigen auch dann zu viel, wenn er groß für sein Alter ist. Das sehe ich ja alles ein. Er war kurzatmig und wollte diese Abnahme wohl anscheinend selbst.

Die Familie hatte vor wenigen Jahren die Mutter an Krebs verloren und nun brachte der Vater die drei Kinder mehr schlecht als recht allein durch. Unser junger Held, Liam ist sein Name, ist das älteste der Kinder und er ist auch der Einzige, der in dieser Situation dick geworden ist. Er sagt selbst, er liebt die gemeinsamen Mahlzeiten, wenn alle zusammen am Tisch sitzen, und möchte am liebsten, dass sie nicht aufhören. Deshalb nimmt er sich oft noch einen zweiten und einen dritten Teller. Der Vater hat nicht viel Geld und kauft hauptsächlich Lebensmittel, die wenig kosten, viel Zucker, Weißmehl, Transfette und wenig frisches Obst und Gemüse.

Wo bitteschön soll denn hier das Feld voller Geheimnisse sein? Es ist doch sonnenklar, welches Problem das Kind hat. Scheißtraurig ist das!

Und was tut die Familie? Sie schicken den armen Jungen zu Onkel und Tante, die offensichtlich sozial besser gestellt sind, damit er dort das Fürchten, nein das Abnehmen lernt. Er bekommt eine esoterisch-ideologische Schnellbesohlung, was lebendiges Essen ist und was nicht und verpflichtet sich anscheinend zu einem Sportprogramm und zu einem bestimmten Ess-Verhalten, so genau wird das am Anfang des Films nicht klar. Schön ist, dass sie ihn sehr in ihr Familienleben einbeziehen und er zunächst eine Menge Spaß hat. Das alles kann aber nicht drüber hinweg täuschen, dass das Kind eine Diät macht. Die Kamera ist ja auch die ganze Zeit dabei.
Wir sehen hier keinen Spielfilm sondern ein reales Kinderleben!


Aber nach einer Weile passiert das, was bei jeder Diät passiert. Es wird zäh, die Sehnsucht nach den Lieblingsspeisen wird immer größer und dann ergibt sich eine Gelegenheit, er nutzt sie und wird erwischt!

Und was dann vor laufender Kamera  geschieht ist wirklich gruselig: Ein elf Jahre altes Kind muss sich erklären, was es auf einem Schulausflug gegessen hat. Wie ein armer Sünder sitzt er da. Die Tante rechnet ihm die Kalorien vor, die er gegessen hat und wieviel Sport er machen muss, um das alles wieder abzutrainieren. Anschließend sieht man Liam auf dem Fahrrad. Und mir aus Zuschauerin läuft es heiß und kalt den Rücken runter. Sport zur Strafe. Das ist hier “The biggest Looser” für Kinder. Der Knabe ist im Umerziehungslager!

Versteht mich bitte nicht falsch. Natürlich hat Liam zu viel gewogen, sich zu wenig bewegt und das Falsche gegessen. Das war, nur mal so nebenbei, aber nicht seine Schuld! Und natürlich war es dennoch wichtig, gegenzusteuern, einen gesünderen Weg einzuschlagen und Gewohnheiten zu ändern. Aber das lernt man doch nicht im Umerziehungslager fern der Heimat. Hätte man bitteschön auch den Vater bei der Gelegenheit umerziehen können? Könnte bitte bitte mal jemand dieses arme Kind auf den Arm nehmen? Hilfe!

Liam (ich bin stolz auf dich) beginnt zu rebellieren, sträubt sich gegen sein Sportprogramm, nennt das Haus von Tante und Onkel eine “Gemüse-Insel” und äußert sein Unbehagen ganz klar. Er vermisst auch seinen Vater und die Geschwister. Und dann wollen sie ihn nach Hause schicken, weil er so undankbar ist.

Eigentlich wäre das der Zeitpunkt gewesen, den Film abzuschalten. Aber natürlich hat uns der Junge ja nicht mehr losgelassen, also habe wir den Film bis zum Ende angesehen.

Nach zähen Verhandlungen hat Liam also einem neuen Vertrag(!)  zugestimmt: Eine halbe Stunde Sport pro Tag und 1,5 Liter Wasser. Das war allem Anschein nach die Light-Version des ersten “Vertrages”.

Und dann erzählt der Film eine Abnehm-Erfolgsgeschichte, wie wir sie schon zu Dutzenden mit Erwachsenen gesehen haben. Wir sehen Liam beim Sport (Er rennt immerzu so einen Hügel hoch) und wie er seine Smoothies aus selbst angebautem Spinat macht und natürlich wie er immer schlanker wird.

Am Ende läuft er 5 Kilometer beim Goldküstenmarathon und sein Vater ist stolz.
Abspann und Ende

Das war alles? Jetzt geht es doch erst richtig los. Was ist 6 Monate später? Hat der Vater jetzt mehr Geld um gesündere Lebensmittel zu kaufen? Hat er jetzt mehr Zeit für seine Kinder? Interessiert sich jetzt endlich jemand dafür, wie sehr Liam seine Mutter vermisst?

Wir werden es nie erfahren.

Was ist die Botschaft dieses Films? Dass die Dicken selbst schuld sind? Wohl kaum!

Für mich zeigt der Film überdeutlich, dass die Probleme ganz woanders liegen. Zum Einen in der mangelnden Verfügbarkeit von frischem Obst und Gemüse, das wird im Film auch thematisiert. Aber zum Anderen dass es Gründe gibt, warum eins von drei Kindern bei der gleichen Ernährungsform dick wird und die anderen nicht. Dass es Gründe zum Essen gibt, die mit Hunger überhaupt nichts zu tun haben. Dass es bestimmt eine gute Idee sein könnte, unseren Kindern mal zuzuhören.

Liam war mit 11 Jahren groß für sein Alter und wog 80 Kilo. Vermutlich ist er inzwischen ein großer Erwachsener. Ein großer Erwachsener mit 80 Kilo ist alles mögliche aber nicht dick. Hätte man wirklich etwas tun wollen für das Kind, hätte man positive Reize schaffen können. Einen Sport finden, der Spaß macht. Einen Platz finden, wo die Familie Spinat anbauen kann. Kochen lernen. Ihn lieb haben. Stolz auf ihn sein. Gemeinsam Zeit verbringen. So dass er vielleicht seine 80 Kilo hält während er ein großer gesunder Mann wird. Aber das kostet Zeit, macht Mühe und passt nicht in eine Spielfilmlänge. Also hat man es publikumswirksamer gemacht.
Liam war übrigens schon ein toller Junge bevor er abgenommen hat. Er wäre auch ein toller Junge, wenn er nicht abgenommen hätte. Aber ob er nach dieser Gehirnwäsche noch eine Chance auf ein normales Essverhalten hat, wage ich zu bezweifeln.

Am Ende des Films wiegt Liam 60 Kilo. Ein 11 Jahre altes Kind hat also in einer 3-Monats-Crash-Kur 20 Kilo abgenommen und wird danach wieder sich selbst überlassen.
Ich kann mich überhaupt nicht wieder beruhigen.

Wir lesen uns in der nächsten Woche, wenn mein Blutdruck wieder normal ist.