Ich gestehe, ich habe geschummelt. Ein paar Wochen lang habe ich jeden Zucker weggelassen, bis die Lust auf Süßes nachgelassen hat. Intuitiv war das nicht, das gebe ich zu. 

Herzlich willkommen in meinem Dilemma. Lehnt Euch zurück. Mai Thi würde sagen: “Holt Euch einen Tee”. Aber so lange wird es nicht dauern.

Beim Wandel von der Diät-Gläubigen zur selbstbestimmten Esserin habe ich schon ein paar Hürden gemeistert und noch Einige vor mir.
Genesung ist ein individueller Prozess, das gilt auch für die Abkehr vom Glauben an Diäten.

Mein persönlicher größter Brocken ist die Sache mit dem Zucker.

Einfach nur ein Stückchen Schokolade zu genießen und den Rest der Tafel zurück in den Schrank zu legen bis ich das nächste Mal Appetit auf Schokolade habe, erscheint mir noch immer zu schön um möglich zu sein. Bei mir funktioniert das nicht. Ich weiß dann den ganzen Abend dass da in dem Schrank noch eine angebrochene Tafel liegt und alle meine Gedanken kreisen darum bis ich sie schließlich doch wieder hervor hole und einfach mal ganz aufesse. Und morgen wieder und übermorgen auch und zwar ohne mir vorzumachen, dass ich doch nur Appetit auf ein kleines Stückchen davon habe. Und dabei weiß ich ganz genau, dass das geht. Ich lebe mit jemandem zusammen, der das kann.

Was zu süßes …

Als Kinder wollten meine Schwester und ich immer “was zu süßes” haben, wie auch immer wir auf diese Formulierung kamen. Heute kommt mir das alles tatsächlich zu süß vor. Aber früher konnte ich einfach nicht widerstehen. Es war mir nicht möglich, nur ein Stückchen Schokolade zu essen. Ich wusste nicht mal, wie das geht. Zwar nahm ich es mir immer vor, rechnete aber nicht wirklich damit, dass das es mir gelingen würde. 

Meine Einheit bei Schokolade war eine ganze Tafel.

Ich habe mich viele Jahre als Ess-Süchtig bezeichnet, zum Schluss sogar als Zucker-Süchtig, als Sugarholic. Ich war davon überzeugt, dass ich gegenüber allem Süßen machtlos war. Und so wie die Anonymen Alkoholiker, die von sich sagen, dass sie dem Alkohol gegenüber machtlos sind, unter anderem jeden Tag aufs Neue das erste Glas stehen lassen, begegnete ich meiner Zucker-Sucht, in dem ich “nur für Heute” keinen Zucker zu mir nahm.

Das hat ungefähr 6 Jahre lang super funktioniert. Wenn mich manche Menschen bedauerten oder verlocken wollten und Dinge sagten wie “Das könnte ich nicht”, so sagten sie damit viel mehr über sich selbst als über mich aus. Denn mir ging es großartig. Ich fühlte mich frei.

Es ging mir so gut, dass ich irgendwann nicht mehr glauben konnte, dass ich dieses Problem überhaupt habe. Und wie sagt man so schön? Wenn es dem Esel zu wohl ist, dann geht er aufs Eis! Ich wollte ja nur ein kleine Stückchen, dachte ich. Im Nachhinein glaube ich nicht, dass sich der Schalter mit diesem eines Stückchen Schokolade sofort umgelegt hat. Es war wohl eher eine Folge von alten Denkmustern, die nach und nach ihren alten Platz wieder fanden.
Nach weiteren 4 Jahren, einer bemerkenswerten Gewichtszunahme und einer damit verbundenen immer tieferen Verzweiflung und nicht mehr zu leugnenden Selbstverachtung fiel mir das gute alte Zuckerexperiment wieder ein. Es war mir doch so gut damit gegangen. Also fing ich wieder an, aufzuhören mit dem weißen Pulver. Und genau wie 10 Jahre zuvor erlebte ich nach wenigen Wochen eine wunderbare Befreiung.

Inzwischen wandle ich auf den Wegen des intuitiven und selbstbestimmten Essens, weil ich zutiefst davon überzeugt bin, dass uns Diäten krank, dick und unglücklich machen und weil ich ganz sicher bin, dass mein Körper am besten weiß, was ich brauche. Also erlaube ich mir jetzt alles.
Wirklich alles? Und was ist mit dem Zucker?

Ich verbiete mir den Zucker nicht. Ich habe kein Bedürfnis mehr danach. Aber nur, weil ich ihn mir eine Weile verboten habe. Ich kann mir vorstellen, dass es auch dazu kommen kann, wenn wir einfach nur auf unsere wirklichen Bedürfnisse hören könnten. Doch in meinem Fall war der Schrei nach Zucker so laut, dass ich nichts anderes mehr hören konnte.

Wenn ich nun also gebeten würde mich zu entscheiden zwischen intuitivem Essen und no sugar, dann kann ich nicht anders als mit einem entschiedenen “kommt auf dem Einzelfall an” zu antworten.

Mir hat es einen Anschubser gegeben und mir so geholfen. Und gleichzeitig möchte ich niemandem den Zucker verbieten. Selbst bei mir war es doch nur ein Experiment: “ich lassen für eine Zeitlang den Zucker weg und beobachte, was passiert.” Wie reagiert der Körper? Wie geht es mir damit? Und zu jedem Zeitpunkt konnte ich mich entscheiden, aus dem Experiment auszusteigen. “Nur für Heute” entscheide ich mich, keinen Zucker zu essen. Und wenn mir jemand etwas Süßes angeboten hat, habe ich mit den Worten “Danke nein! Heute mal nicht” lächelnd abgelehnt.

Also: Es lässt sich vereinbaren! So groß ist das Dilemma gar nicht.