Jede zeitlich begrenzte Diät ist zum Scheitern verurteilt, wenn wir am Ende wieder “normal” essen, also so wie vor der Diät, nämlich auf genau die Weise, mir der wir dick geworden sind.
Das hat sich inzwischen auch herum gesprochen. Deshalb sind Diäten aus der Mode gekommen. Heute nennen es viele Ernährungsumstellung, machen aber oft die gleichen Fehler. Unsere Gewohnheiten und unser Essverhalten werden als Grund all des Übels identifiziert und müssen sich fortan ändern.

Ich will nicht bestreiten, dass weniger essen, gesünder essen und mehr Bewegung helfen wird. Ganz sicher wird es das.
Selbstverurteilung, Selbstsabotage, Selbsthass und Scham helfen aber ganz sicher nicht. 
Mit einer strikten Ernährungsumstellung allein, und sei sie noch so fundiert und durchdacht, kommen wir also langfristig nicht weiter.

Stellt Dir vor, Du lebst mit einem erwachsenen Menschen zusammen, der raucht, trinkt und eine Vorliebe für Mettwurst und Chips hat.
Klar findest Du das alles nicht gut, machst Dir Sorgen um seine Gesundheit und grundsätzlich ist ihm Deine Einstellung dazu bekannt.
Und genau an dieser Stelle bist Du bereits an Deiner Spielfeld-Grenze angekommen.
Schließlich kannst Du ja nicht sagen: “Das ist alles ungesund, ab sofort ist das gestrichen!”, jedenfalls nicht, wenn Dir ein wertschätzenden Umgang am Herzen liegt.

Doch genau das tun wir, wenn wir mit uns selbst allein sind und ab sofort gesünder leben wollen.
Die innere Couch-Potato, die Eiscreme, Prosecco, Spaghetti mit Gorgonzola-Sahne-Soße und weiße Mango-Maracuja-Schokolade liebt, bekommt kurzerhand mitgeteilt, dass es das jetzt alles nicht mehr gibt und statt dessen körperliche Ertüchtigung auf dem Programm steht. Der Schaukelstuhl kommt im Übrigen auf den Sperrmüll.

Die innere Coachin übernimmt das Kommando und verbannt die ungesunden Sachen aus Deinem Leben. Sie kennt sich aus mit gesunder Ernährung und geht als erstes mit Dir einkaufen, natürlich mit dem Fahrrad. In der Küche stehen jetzt nur noch Gemüse und Vollkornprodukte bereit. Die Couch-Potato soll ja nicht in Versuchung geführt werden.

Die Couch-Potato sieht das vollkommen anders. Nach der 15-ten “Ernährungsumstellung” kennt sie das Spiel ja auch schon. Womöglich geht es hier überhaupt nicht mehr um Mango-Maracuja-Schokolade sondern überhaupt nur noch um Autonomie: “Warum zum Teufel sind eigentlich immer nur diese rationalen Musterknaben am Drücker? Ich will auch mal die Bestimmerin sein! Jedes Stück Frankfurter Kranz, dass Ihr mir verbietet, zahle ich Euch zurück, und zwar mit Zinsen. Vielleicht bekommt Ihr sogar so viel Fett und Zucker, dass uns schlecht wird. Und dick werden wir auch wieder.
Ätsch! Das habt Ihr nun davon.”

Ich übertreibe?
Vielleicht!

Und vielleicht bringe ich dabei den ohnehin schon unterdrückten und ungeliebten Teil noch weiter in Misskredit, für den ich hier doch eigentlich eine flammende Rede halten möchte.

Wir verhalten uns, als müssten wir nur herausfinden, wie wir uns selbst überlisten können, und dann wird alles gut.
Pustekuchen!
Nichts wird gut, wenn wir ein wertvolles Mitglied unserer inneren Gemeinschaft unterdrücken und bekämpfen. Was soll das denn für ein Team sein? Traurig ist das.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe keine einfache Lösung. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, es gäbe keine einfache Lösung.

In der gewaltfreien Kommunikation heißt es, dass die Lösung uns findet, wenn alle Bedürfnisse gehört sind und auf dem Tisch liegen. Und wenn das klappt, könnte es sogar leicht sein.

Dafür müssen wir auf den Sperrmüll gehen um den Schaukelstuhl zurück zu holen, damit es die Couch-Potato gemütlich hat, wenn wir ihr zuhören. Und wie sich das in einer Beziehung auf Augenhöhe gehört, hören wir voller Neugier und ehrlichem Interesse zu und nicht um auf eine Lücke zu warten, damit wir argumentieren können.

Wenn die innere Coachin eine gute Coachin ist, dann kann sie das auch. Und falls nicht, ist das jetzt eine gute Gelegenheit zum Üben.
Es gibt innere Couch-Potatos, 

  • die haben immer Angst, nicht genug zu bekommen
  • manche wollen auf den Arm
  • manche sind traurig oder wütend, dass wir ihnen nicht zutrauen, dass wir auch wieder mit dem essen aufhören
  • manche wollen ein Gefühl immer wieder erleben, das sie mit einem bestimmten Geschmack verbinden
  • manche wollen sich nur bemerkbar machen
  • Ich kenne sogar eine, die möchte so gern mal die ganze Erdbeertorte für sich allein haben

Ich bin sehr neugierig was Deine Coach-Potato flüstert.
Du kannst es mir schreiben.